Seit zwei Semestern studiere ich die Fächer Mathematik und Physik auf Lehramt an der LMU in München. Im Rahmen meines Praktikums verbrachte ich die letzten vier Wochen bei Serlo Education. Die gemeinnützige Organisation entwickelt die kostenlose Lernplattform serlo.org, mit der jeden Monat über 500.000 Schüler eigenständig lernen. Geprägt von der lehrreichen Zeit, möchte ich mit diesem Beitrag zeigen, wieso man als angehender Lehrer Serlo kennen sollte.

Teamarbeit

Lehrer sind oft Einzelkämpfer und unter Kollegen herrscht eine gediegene Ellenbogenmentalität. Das ist ein Gefühl, das ich aus Schulpraktika in der Vergangenheit mitnehmen konnte. “Die Kooperation beschränkt sich meist auf den Austausch von Materialien”, bestätigt auch diese Studie. Doch das reicht mir persönlich nicht. Denn wie soll ich Kindern und Jugendlichen ein gemeinschaftliches Miteinander lehren, wenn ich selbst anderes lernte?

Serlo zeigte mir, dass es auch anders geht: Ein typischer Praktikumstag begann gemeinsam. Es wurden Tagesziele definiert und anschließend in kleinen Teams abgearbeitet. Zwischendurch gab es kleine Feedbackrunden und die Fortschritte wurden der Gruppe präsentiert. Es ist ein tolles Gefühl, sich nicht nur gegenseitig zu unterstützen, sondern an einem gemeinsamen Ergebnis zu arbeiten - noch dazu, wenn das bedeutet, dass viele tausend Schüler besser lernen können. Das Team hat mich herzlich aufgenommen und mich von Anfang an als vollwertiges Mitglied aufgenommen. Meine Meinung zählte und wurde wertgeschätzt. Zu den täglichen Ritualen gehören auch eine Sporteinheit am Nachmittag und das gemeinsame Mittagessen, bei dem man auch mal die Möglichkeit hatte, über Politik und Aktuelles zu diskutieren.

Die Teilnehmer der Serlo Summer Academy. (Ich bin der im weißen Tshirt)

So oder so ähnlich möchte ich auch mit meinen künftigen Kollegen in der Schule zusammenarbeiten. Kooperations- und Teamfähigkeit junger Erwachsener muss trainiert werden und vielleicht wäre Serlo eine Inspirationsquelle für das eine oder andere Seminar an der Uni; der Ort an dem angehende Lehrer, die Kompetenzen für ihren späteren Beruf erlernen. So zu arbeiten, war eine neue Erfahrung für mich und ich werde sicher die ein oder andere Methode in meiner späteren Lehrtätigkeit verwenden können.

Didaktik

Während des Studiums besuchte ich unter anderem Vorlesungen und Übungen zum Themenkomplex “Wissenschaft vom Lehren und Lernen”. Dabei lernt man, dass es viele theoretische Konzepte der Didaktik gibt, die man bei der Unterrichtsplanung beachten sollte. Wie man diese Konzepte konkret im Unterricht umsetzt, wird kaum oder nur knapp erläutert, ist später aber enorm wichtig.

Bei Serlo bestand meine Hauptaufgabe aus der Planung und Erstellung von Unterrichtsmaterialien. Artikel und Kurse auf der Lernplattform haben prinzipiell denselben Aufbau wie eine Unterrichtsstunde. So musste ich mir als Serlo-Autor täglich Fragen stellen, die ich mir später auch als Lehrer stellen muss: Was werden Schüler an der Formulierung nicht verstehen? Wie kann ich Inhalte praxisbezogen darstellen? Wie kann ich Inhalte geschickt visualisieren? Auch übte ich, was es bedeutet, Aufgaben in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zu erstellen.

Ein Schüler in der Serlo Lab School

Auf all die erstellten Inhalte erhält man anschließend Feedback: einmal über die Kommentar-Funktion von Schülern, die auf Verständnisprobleme hinweisen, aber auch von anderen Lehrern aus der Autoren-Community. Genau diese Art der Feedback-Kultur würde mich in meinem Studium weiterbringen. Denn das Referendariat ist insbesondere dafür da, Feedback auf erstellte Lernunterlagen zu bekommen - allerdings unter Notendruck.

Digitalisierung

Heutzutage ist der Einsatz von digitalen Medien selbstverständlich und die technische Ausstattung ist meist auf dem neuesten Stand - egal, ob im schulischen oder im universitären Kontext. Stellt sich nur noch die Frage, wie man die Technik auch sinnvoll einsetzten soll. Welche Programme sind benutzerfreundlich? Welche Inhalte sind für Unterrichtsvorbereitung und Materialerstellung frei verfügbar? Die Universität macht hierzu kaum Vorschläge.

Auch in dieser Hinsicht war das Praktikum bei Serlo hilfreich. Beispielsweise lernte ich das Programm Geogebra kennen, mit dem ich dynamische Mathematik-Darstellungen erstellen kann, weshalb ich es auch in meinem späteren Unterricht verwenden möchte. Serlo ist eine Lernplattform, die mit interaktiven Übungen, Lernvideos und vernetzten Themenaufbereitungen große Vorteile gegenüber dem klassischen Schulbuch bietet - und genau das habe ich deutlich gesehen. In Summe habe ich durch das Praktikum ein Gefühl bekommen, wie der Einsatz digitaler Medien im Unterricht konkret funktionieren kann.

Resümee

Am Ende meines Praktikums blicke ich voller Stolz auf die letzten vier Wochen zurück: Ich konnte aktiv einen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit leisten und zwar mit Hilfe eines fantastischen Teams, das mich immer unterstützt hat. Zudem habe ich viel gelernt und sehe, dass ich einen großen Schritt in meiner Entwicklung als Lehrerpersönlichkeit gemacht habe. Das gibt mir im Hinblick auf meine künftige Lehrertätigkeit mehr Sicherheit und Selbstvertrauen. Deshalb würde ich jedem Lehramtsstudenten empfehlen, ein Praktikum bei Serlo zu machen.