Die Frage nach dem guten Leben beschäftigt die Menschheit seit über 2000 Jahren - bis heute.

Geschichte

Sokrates, Platon und Aristoteles sahen in Eudaimonia, der gelungenen Lebensführung, das Ziel der Philosophie. Unter “Glück” verstanden sie nicht gute Gefühle, sondern das Resultat, eines guten Lebens. Glück wird aus ihrer Sicht durch eine an Werten (Tugenden) ausgerichtete Lebensführung erschaffen. Schmerz und Leid gehören dazu. (1)

Nicht Wunscherfüllung, sondern die Begrenzung auf die Erfüllung von Bedürfnissen war das Leitbild aller antiken griechischen Philosophen. (2) Wobei man darüber uneins war, was denn Bedürfnisse tatsächlich seien.

Die mittelalterliche Christentum hielt Glück für eine Option der Zukunft: es wird erlebbar, wenn wir gestorben und im Himmel sind oder nach dem jüngsten Tag, wenn Christus zurück auf die Erde kommt. Das Streben nach sinnlichen Freuden galt als sündig.

Diese Sicht wurde im 17. und 18. Jahrhundert abgelöst. Die Arbeit an der Verbesserung des eigenen Lebensstandards wurde nicht mehr als Gier und Verdorbenheit gesehen.Die Freuden des Fleisches wurden nicht mehr als lasterhaft gebrandmarkt. Stattdessen wurde “the pursuit of happiness”, das Verfolgen des Glücks, zur Leitlinie. Glück wurde zu etwas, das irgendwo da draußen war, das man verfolgen, einfangen und konsumieren konnte.

 

Aristoteles Statue Abb. 1: Auch Aristoteles hat sich schon überlegt, wie ein gutes Leben funktioniert.

Wie viel ist Genug?

Nach Ansicht von Robert und Edward Skidelsky haben die alten Kulturen in Europa, Indien und China wirtschaftliche Aktivitäten als nachrangig gegenüber Politik und Kontemplation gesehen. Und sie sahen die Gefahr, dass die letzteren für die Erreichung wirtschaftlicher Ziele benutzt werden könnten. Das Streben nach Geld um des Geldes willen wurde in allen drei Traditionen als Verirrung angesehen.

Ein Supermarkt in Amerika Abb. 2: Ein moderner Supermarkt

Die Skidelskys vertreten die Ansicht, die heutige Sucht nach Konsum und Abhängigkeit von Arbeit und Karriere gründe vor allem auf dem Wegfall der öffentlichen Diskussion über die Grundlagen des guten Lebens. Ihr Buch soll diese Auseinandersetzung anregen. (3)

Sie sehen grundlegende Gemeinsamkeiten in den Wertvorstellungen aller menschlicher Kulturen, obwohl es global sehr unterschiedliche moralische Leitlinien gibt. Auf dieser Basis beschreiben sie das so (4):

Sieben Bausteine für ein gutes Leben

  • Gesundheit - die volle Funktionsfähigkeit des Körpers. Dazu gehören Vitalität, Energie, Wachheit
  • Sicherheit - Mit Sicherheit meinen sie die begründete Erwartung eines Menschens, dass sein Leben mehr oder weniger in seinem gewohnten Gang verläuft, ungestört von Krieg, Verbrechen, Revolution oder großen sozialen und wirtschaftlichen Umstürzen.
  • Respekt - Jemanden zu respektieren bedeutet für die Skidelskys deutlich zu machen, dass man seine Standpunkte und Interessen als beachtenswert ansieht, als etwas, das nicht ignoriert oder auf dem herumgetrampelt werden kann. Respekt beinhaltet nicht Übereinstimmung oder Gefallen.
  • Autonomie (5) - Damit ist vor allem die Fähigkeit gemeint, einen Lebensplan zu entwerfen und umzusetzen, der dem eigenen Geschmack, Temperament und Vorstellungen des Guten entspricht. Eine Gesellschaft ohne Autonomie, in der die Individuen ihre soziale Rolle ohne Spannung oder Protest akzeptieren, würde kaum menschlich sein. Es wäre mehr wie eine Kolonie intelligenter sozialer Insekten.
  • Harmonie mit der Natur - Damit ist eine wahrgenommene Verbundenheit mit den anderen Lebensformen auf diesem Planeten gemeint, ein Gefühl der Verwandtschaft mit Tieren, Pflanzen und Landschaften.
  • Freundschaft - Darunter verstehen die Skidelskys tragfähige, liebevolle Beziehungen, egal ob zwischen Familienmitgliedern oder Menschen, die nicht zur Familie gehören. Freundschaft ist für sie mit Aristoteles eine Beziehung zwischen Menschen, die sich einander für das mögen, was sie sind, nicht für Vorteile oder Annehmlichkeiten, die sie sich gegenseitig bieten. Menschen, die sich regelmäßig zum Joggen treffen zählen so nicht als Freunde (Vorteil des nicht allein laufen Müssens), erst, wenn ein tieferes belastbares gegenseitiges Interesse entstanden ist, existiert Freundschaft in diesem Sinne.
  • Muße - Muße ist das, was wir um seiner selbst tun, nicht um etwas anderes zu erreichen. Bezahlte Arbeit in diesem Sinne kann Muße sein, wenn sie nicht vor allem zum Geldverdienen dient, sondern aus Freude an der Tätigkeit unternommen wird. Umgekehrt sind viele Freizeitaktivitäten keine Muße in diesem Sinne, entweder weil sie für einen anderen Zweck dienen (zum Beispiel Squash spielen, um abzunehmen) oder weil sie zu passiv sind, um überhaupt als Aktivität zu zählen (fernsehen oder sich betrinken gehören nach diesem Verständnis eher zum sich Ausruhen als zum müßig Sein). Ein Leben ohne Muße, in dem alles getan wird, um etwas anderes zu erreichen, ist leer. Es ist ein Leben, dass immer in Vorbereitung verbracht wird, niemals im tatsächlichen Leben.“

Die Skidelskys sehen in einer Wirtschaftsform, die darauf abzielt Marktwerte zu maximieren, eine Kraft, die die Elemente des guten Lebens verdrängen oder sie mit vermarktbaren Surrogaten zu ersetzen will. Autonomie wird zum Werbejargon, Freundschaft oder Harmonie mit der Natur zum Anreiz für vermarktbare Freizeitaktivitäten, Muße zum passiven Konsum von Medienangeboten.


Quellen

Abbildungen:

Fußnoten:

(1) Darrin M. McMahon: Happiness, the Hard Way

(2) Vgl.: Robert und Edward Skidelsky: How much is enough - Money and the good Life, Chapter 3: The Uses of Wealth,OtherPress, New York, 2012

(3)Vgl.: Robert und Edward Skidelsky, a.a.O., Chapter 6, Elements of the Good Life

(4) Robert und Edward Skidelsky, a.a.O., Chapter 6

(5) Die Skidelskys nennen diesen Punkt “Personality”, schreiben aber selbst, dass er von anderen wohl mit “Autonomie” bezeichnet würde, was ich für verständlicher halte.

Autorin:

Ruth Habermehl

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